Formativ und summativ: zwei Logiken, zwei Aufgaben
Die Unterscheidung zwischen formativer und summativer Beurteilung geht auf Michael Scriven (1967) zurück. Summativ: Man misst, was gelernt wurde, meist am Ende einer Unterrichtseinheit, um eine Note zu geben oder einen Entscheid zu fällen. Formativ: Man misst während des Lernens, um das Weitere zu steuern, ohne Note und ohne Sanktion.
Im Schulalltag werden die beiden oft verwechselt: Ein kleiner benoteter Wochentest wird gern «formativ» genannt, bleibt in seiner Logik aber summativ (es geht um etwas, es gibt Druck, es gibt eine Rangfolge). Ein echtes formatives Instrument ordnet nicht ein, es informiert.
Die Lehrpläne der Schweiz unterscheiden ebenfalls die Funktionen der Beurteilung: eine Beurteilung im Dienst des Lernens (formativ) und eine Beurteilung des Gelernten (summativ). Der Unterschied zählt: Im ersten Fall ist die Beurteilung ebenso ein Unterrichtswerkzeug wie ein Moment der Messung.
Was die Forschung sagt
1998 veröffentlichten Paul Black und Dylan Wiliam «Inside the Black Box», eine der meistzitierten Übersichtsarbeiten der Bildungsforschung. Ihr Befund: Wer die formative Beurteilung im Unterricht stärkt, erzielt Lerngewinne, die zu den grössten je gemessenen gehören, besonders bei schwächeren SuS.
Warum? Weil formative Beurteilung einen ständigen Rückmeldekreislauf schafft. Die Lehrperson weiss genau, wo ihre SuS hängen bleiben. Die SuS wissen genau, wo sie stehen. Wird diese Information sofort genutzt, lässt sich nachsteuern, bevor sich ein Missverständnis festsetzt.
Kernaussage: Black & Wiliam schätzten, dass konsequent eingesetzte formative Beurteilung durchschnittliche SuS ins obere Drittel ihrer Klasse bringen könnte, ohne Lehrplan oder Unterrichtszeit zu ändern.
Das Quiz als formatives Instrument schlechthin
Ein gut gemachtes Quiz gehört zu den wirksamsten formativen Instrumenten, weil es mehrere Mechanismen gleichzeitig verbindet:
- Aktives Abrufen: Die SuS holen die Antwort aus dem Gedächtnis (Testeffekt)
- Sofortige Rückmeldung: Sie wissen gleich, ob die Antwort stimmt und warum
- Sichtbarkeit für die Lehrperson: Die Resultate pro Frage zeigen genau, wo das Verständnis hakt
- Keine Note: Ohne Druck dürfen sich die SuS irren, das macht sie mutiger im Denken
Diese Verbindung unterscheidet ein formatives Quiz von einer gewöhnlichen Übung oder einer Prüfung. Die gewonnene Information ist sofort nützlich: für die Lehrperson, die das Weitere plant, und für die SuS, die ihr Verständnis anpassen.
Was ändert sich für die Lehrperson?
Digitale formative Beurteilung ermöglicht etwas, das eine Fragerunde oder Handzeichen nicht leisten: gleichzeitig, Frage für Frage, die Erfolgsquote jedes Kindes zu sehen, ohne dass jemand seine Schwierigkeit vor der Klasse zeigen muss.
Ein Quiz mit acht Fragen liefert in zehn Minuten eine genaue Landkarte von Erreichtem und Lücken. Diese Information lenkt direkt die nächste Lektion: Frage 3 in einem Atelier nochmals aufnehmen, die Klasse für Frage 6 loben, für die vier SuS, die Frage 7 nicht gelöst haben, differenzieren.
Beurteilen, um zu lernen
Die formative Beurteilung ist kein Zusatz und keine weitere Kontrolle: Sie gehört zum Unterrichten selbst.
Ein Quiz von fünf Minuten am Ende einer Lektion, zu einer Kompetenz, die gerade bearbeitet wurde, ist darum keine verlorene Zeit. Es ist Unterricht, in anderer Form.
Quellen: Scriven M. (1967). The methodology of evaluation. AERA Monograph Series on Curriculum Evaluation · Black P. & Wiliam D. (1998). Inside the Black Box. Phi Delta Kappan, 80(2) · Hattie J. (2009). Visible Learning. Routledge