← Zurück zum Blog
Video: Vor einer Prüfung Bilanz ziehen
Video (1 Min.): Vor einer Prüfung Bilanz ziehen. Auch auf YouTube.

Was ist der Testeffekt?

Der Testeffekt (englisch retrieval practice effect) ist ein gut belegtes Phänomen der Lernpsychologie: Wer sich eine Information ins Gedächtnis ruft, behält sie viel länger, als wenn er sie nur noch einmal liest oder abschreibt.

Anders gesagt: Das Abrufen ist selbst ein Lernvorgang. Jedes Mal, wenn eine Schülerin eine Frage beantwortet, baut sie ihr Verständnis aktiv neu auf und festigt so die Verbindungen im Gedächtnis.

Was die Forschung sagt: In einer grundlegenden Studie von Roediger & Karpicke (2006) schnitten Studierende, die sich zu einem Text selbst abgefragt hatten, eine Woche später um 50 % besser ab als jene, die ihn nur noch einmal gelesen hatten.

Nochmals lesen genügt nicht

Die grosse Täuschung beim Lernen ist, Vertrautheit mit Können zu verwechseln. Wer seine Notizen erneut liest, hat das Gefühl zu verstehen, weil ihm alles bekannt vorkommt. Doch diese Vertrautheit trügt: Sie garantiert nicht, dass er die Information am nächsten Tag, in der nächsten Woche oder an der Prüfung abrufen kann.

Ein Quiz lässt diese Täuschung nicht zu. Man weiss die Antwort, oder man weiss sie nicht. Und genau diese Anstrengung beim Abrufen, auch unvollständig und mit Fehlern, schafft dauerhaftes Lernen.

Abfragen statt nochmals lesen: 50 % mehr behalten, eine Woche später.

Fehler als Motor des Lernens

Ein überraschendes Ergebnis der Forschung: Sich zu irren kann nützen. Wer falsch antwortet und sofort die richtige Antwort sieht, merkt sie sich besser, als wenn er sie nur gelesen hätte, ohne abgefragt zu werden.

Dieses Phänomen heisst Hyperkorrektur-Effekt und erklärt, warum die unmittelbare Rückmeldung nach einer Frage so wichtig ist. Nicht der Fehler lehrt, sondern seine Korrektur nach einer Anstrengung beim Abrufen.

In der Praxis: Wenn Kwiiz nach jeder Frage die richtige Antwort und ihre Erklärung zeigt, belohnt das nicht nur die Guten. Es schafft für alle eine Lerngelegenheit, gerade für jene, die sich geirrt haben.

Wiederholen, um dauerhaft zu behalten

Noch stärker wirkt der Testeffekt zusammen mit verteiltem Üben (spaced practice): dieselben Inhalte mehrmals abfragen, mit wachsenden Abständen. Ein Thema, das am Montag behandelt, am Donnerstag erneut abgefragt und in der Woche darauf noch einmal aufgegriffen wird, sitzt viel tiefer als eines, das man einmal intensiv durchnimmt.

Konkret heisst das: Ein kurzes Repetitionsquiz von fünf Minuten zu Beginn der Lektion bringt oft mehr als eine Stunde gemeinsames Repetieren kurz vor der Prüfung.

Das Quiz lässt keine Täuschung zu: Man weiss die Antwort, oder man lernt aus der Korrektur.

Was das für die Klasse ändert

Quellen: Roediger & Karpicke (2006), Psychological Science · Kornell & Bjork (2008), Psychological Science · Dunlosky et al. (2013), Perspectives on Psychological Science