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Die Vergessenskurve von Ebbinghaus

Der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus, der an sich selbst experimentierte, beschrieb ein Phänomen, das jede Lehrperson aus Erfahrung kennt: Das Vergessen folgt einer exponentiellen Kurve. Ohne Wiederholung vergisst man rund 50 % einer neuen Information innert 24 Stunden. Eine Woche später bleiben oft nur noch 20 bis 30 %.

Die schlechte Nachricht: Das ist unvermeidlich. Das Gehirn speichert Informationen, die nicht wieder aufgerufen werden, nicht von selbst. Die gute Nachricht: Man kann dieser Kurve sehr wirksam entgegenwirken, wenn man im richtigen Moment wiederholt.

Ohne Wiederholung ist die Hälfte eines neuen Inhalts nach 24 Stunden vergessen.

Der Spacing-Effekt: was er ist und wie er wirkt

Der Spacing-Effekt (spacing effect) bezeichnet Folgendes: Wer seine Wiederholungen über die Zeit verteilt, behält viel mehr, als wer dieselbe Menge auf einmal lernt (massed practice, das «Büffeln»).

Der Mechanismus ist kognitiv: Wiederholt man eine Information kurz nach dem Lernen, ist die Anstrengung beim Abrufen gering, denn sie ist noch leicht zugänglich. Wartet man, bis sie zu verblassen beginnt, wird das Abrufen anstrengender, und genau diese Anstrengung festigt die Gedächtnisspur.

Was die Forschung sagt: Cepeda et al. (2006) werteten 254 Studien zum verteilten Lernen aus. Ihr Befund: Der beste Abstand zwischen zwei Wiederholungen hängt davon ab, wie lange man etwas behalten will. Für eine Woche: einen Tag Abstand. Für ein Jahr: etwa drei Wochen.

Verteilt oder geballt: was das in der Praxis ändert

Das geballte Wiederholen (einen Inhalt lange und intensiv üben, dann zum nächsten gehen) ist im Unterricht am weitesten verbreitet. Es wirkt effizient, weil die Leistung unmittelbar danach gut ist. Doch dieser Eindruck täuscht: Er sagt nichts über das langfristige Behalten aus.

Wer dagegen einen Inhalt in drei kurzen Sitzungen mit einigen Tagen Abstand wiederholt, behält ihn viel länger, auch wenn jede Sitzung schwieriger ist als die vorherige, weil er bereits einiges vergessen hat.

Dunlosky et al. (2013) ordneten zehn Lernstrategien nach ihrer Wirksamkeit. Verteiltes Üben gehört zu den beiden Strategien mit dem höchsten Nutzen, zusammen mit dem aktiven Abrufen (dem Testeffekt).

Drei kurze, verteilte Sitzungen bleiben viel besser hängen als ein langes Büffeln am Stück.

So setzt du es im Unterricht um: drei Grundsätze

Spacing-Effekt und Testeffekt: eine starke Kombination

Die beiden Effekte verstärken sich gegenseitig. Der Testeffekt (sich selbst abfragen) bringt mehr als erneutes Lesen. Der Spacing-Effekt (diese Abfragen über die Zeit verteilen) vergrössert den Gewinn noch. Zusammen bilden sie das verteilte Abrufüben (spaced retrieval practice), eine der wirksamsten heute bekannten Lernstrategien.

Ein kurzes, regelmässiges Quiz zu verschiedenen Inhalten mit Repetitionen ist darum keine Zeit, die dem Lehrplan fehlt. Es ist wohl die beste Investition von zehn Minuten, die eine Lehrperson machen kann.

Quellen: Ebbinghaus H. (1885). Über das Gedächtnis · Cepeda N. J. et al. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks. Psychological Bulletin, 132(3) · Dunlosky J. et al. (2013). Improving students' learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1)